• The Beautiful Tree: Die Ärmsten der Welt privatisieren ihre Bildung selbst

    Privatschulen, das klingt für viele Menschen nach Lernstätten für Sprösslinge einer privilegierten Oberschicht, nach Phänomenen einer sich abkapselnden Elite, vielleicht sogar nach unanständiger Prestigesucht. Der letzte Ort, an dem man Privatschulen erwarten würde, wären denn auch die Slums in armen Entwicklungsländern Asiens und Afrikas? Falsch gedacht. Tatsächlich blüht gerade in den ärmsten Regionen unseres Planeten eine wundervolle Landschaft von Privatschulen für Arme, in die uns James Tooley mit seinem vieldiskutierten Buch „The Beautiful Tree“ entführt.

    Tooley, seines Zeichens Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Newcastle, stiess selbst aus Zufall auf diese verborgene Welt der «low-cost private schools», wie er sie nennt. Vor etwa 15 Jahren sollte er im Auftrag der Weltbank Untersuchungen anstellen, ob und wie Privatschulen von den aufstrebenden Mittel- und Oberschichten Chinas und Indien genutzt werden. Seine scheue Frage, ob es denn auch Privatschulen für Arme gäbe, wurde hingegen unisono verneint, sowohl von westlichen Beobachtern als auch von ortsansässigen Regierungsvertretern: „Privatschulen sind für die Reichen. Die Armen haben kein Geld für sie und schicken ihre Kinder darum in die kostenlosen staatlichen Schulen oder gar nicht zur Schule.“

    Und es gibt sie doch     
    Umso verwunderter war Tooley denn auch, als er in den Slums im indischen Hyderabad doch eine Privatschule entdeckte, und zwar für die Ärmsten der Gesellschaft. Doch damit nicht genug: Es schien unzählige dieser kleinen Privatschulen zu geben! Und zwar nicht nur in Hyderabad, sondern auch in Delhi, auch im ländlichen Indien, auch in Ghana, Nigeria, Kenia und China. Als Tooley diesen sensationellen Fund seinen Kollegen bei der Weltbank mitteilte, winkten die nur ab: Das seien keine richtigen Schulen, sondern nur profitgierige Geschäftsleute, welche die Armen ausbeuten wollten. Die armen Slumeinwohner könnten ihre Kinder gratis zur Staatsschule schicken, wüssten das aber nicht oder sorgten sich nicht darum. Und sowieso sei das Ganze eher ein Randphänomen. Tooley war skeptisch: Das passte ganz und gar nicht zu den vielen Privatschulen, die er gesehen hatte, zur Lernatmosphäre, die dort herrschte, zu den aufgeweckten und findigen Menschen, die er kennen gelernt hatte, und zu den Kleinunternehmern, die mit grossem Engagement und Herz Schulen für die Ärmsten führten. Er beschloss, die «low-cost private schools» mittels grossangelegten Feldstudien genauer zu erforschen – und stiess auf Atemberaubendes.

    So handelte es sich bei diesen selbsttragenden Schulen keineswegs um ein Randphänomen: Im ländlichen Mahbubnagar waren 50% aller Schüler in solchen Schulen, in den Elendsvierteln Hyderabads und im ghanaischen Ga 65%, in den Shantytowns von Lagos, Nigeria, waren es sogar 75%[1]. Die Privatschulgebühren waren für die breite Masse bezahlbar und machten etwa 5 bis 20 Prozent des Einkommens aus. Wo sie nicht bezahlbar waren, halfen die Schulen selbst in einem Akt freiwilliger Solidarität mit Stipendien nach: Tooley schätzt, dass jedes fünfte Kind von solchen Hilfen profitierte.

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    Staatliche Bildung, ein Fiasko         
    Wieso entbehrten diese Leute, nahe des Existenzminimums, einen nicht unwesentlichen Teil ihres Einkommens für Bildung, wo sie ihre Kinder doch kostenlos zur öffentlichen Schule schicken konnten? Tooley sah, dass sie gute Gründe dafür hatten, und konnte diese auch einfach erklären: Die Staatsschulen waren nicht auf das Geld der Eltern angewiesen und boten darum entsprechend schlechte Ausbildungsbedingungen. Abwesende und unmotivierte Lehrer, schlechter Unterricht, zerfallende Gebäude – das war es, was Tooley in den staatlichen Schulen vorfand, die von Regierungen und wohlmeinenden Hilfsorganisationen mit Abermillionen ausgestattet wurden. Im Gegensatz dazu waren die privaten Schulunternehmen auf die Schulgebühren angewiesen und standen in einem intensiven Wettbewerb, mussten also gute Bildung anbieten, fehlbare Lehrer sanktionieren, sinnvolle Klassengrössen einrichten und für ein anständiges Schulgebäude sorgen. Und das Erstaunlichste: Mittels standardisierter Tests stellte Tooley fest, dass Schüler in Privatschulen 20 bis 30 Prozentpunkte besser abschnitten als Schüler aus öffentlichen Schulen.

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    Für seine beeindruckenden Erkenntnisse schlug Tooley sofort faktenfreie Gehässigkeit der meisten Bildungswissenschaftler und Entwicklungsexperten entgegen: Gute Bildung für die Armen könne per Definition nur durch den Staat bereitgestellt werden, da nur unentgeltliche Bildung gute Bildung sei. Dass sich die Armen selbst in Scharen von der staatlichen Bildung abwenden, gerade weil diese unentgeltlich ist, scheint deren Verfechter in ihrer latenten Marktfeindlichkeit überhaupt nicht zu stören. Oft ist es sogar ebenjener Staat, dessen korrupte Inspektoren den Privatschulen mit Gängelei und Schmiergelderpressung das Leben schwer machen. Der Markt als grösster Freund der Armen, der Staat als ihr Feind? Das kann, das darf in den Augen vieler gar nicht sein!

    Und bei uns?   
    Interessant ist die Frage, inwiefern sich Tooleys Erkenntnisse auf unser Bildungssystem übertragen lassen. Klar ist: Unser staatliches Bildungssystem versagt nicht so offensichtlich wie jenes in Entwicklungsländern. Doch Probleme, die aus der Staatlichkeit der Bildung erwachsen, gibt es auch bei uns: Bildungsinhalte werden nicht individuell von den betroffenen Personen bestimmt, sondern in monumentalen Kollektivprozessen entwickelt, an deren Ende Einheitslösungen stehen, mit denen niemand richtig zufrieden ist (siehe Lehrplan 21). Die trägen, verbürokratisierten und politisierten Strukturen der Volksschule machen grundsätzliche Innovation schwer. Kinder, denen das vereinheitlichte Schulsystem nicht zusagt, werden auf Biegen und Brechen durch die neun Jahre obligatorische Schulzeit gejagt; das ist eine Verschwendung von Lebenszeit und birgt die Gefahr starker Demotivation.

    Liberalisierung und Privatisierung der Primar- und Sekundarschulbildung bringen in der Hinsicht vielen Chancen. Und dass diese private Bildung nicht unerschwinglich für finanzschwache Haushalte wäre, dafür erbringen die allerärmsten Menschen dieser Welt jeden Tag den Beweis.

    [1] Alle Zahlen aus: James Tooley, The Beautiful Tree

     Simon Scherrer ist Co-Präsident und Nationalratskandidat von up!schweiz.

    Links:

    • James Tooley, „The Beautiful Tree“, Bestellmöglichkeit beim Cato Institute: hier
    • Interview mit James Tooley: Video
    • How private schools are serving the poorest, Pauline Dixon, TEDxGlasgow: hier

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