• Kultur für Wenige, Kosten für alle

    Kürzlich verkündete Bundesrat Alain Berset mit einem Paukenschlag die „Kulturbotschaft 2016 – 2019“, das kulturpolitische Strategiepapier des Bundes. Berset wirbelt mit grossen Begriffen: Teilhabe, Zusammenhalt, Kreativität. Der Stoff, der die Schweiz zusammenhält, – so könnte man meinen – er stammt direkt aus den emsig Förderbeiträge verteilenden Büros des Bundesamts für Kultur. Die Kulturbotschaft rührt mit dem grossen Löffel an – und offenbart dabei die Masslosigkeit der Schweizer Kulturpolitik.

    Augenfällig wird das vor allem bei den Kosten, welche für das staatlich dirigierte Kulturschaffen anfallen. Allein die neue Kulturbotschaft plant Mehrausgaben von fast 900 Millionen Franken. Wohlbemerkt zusätzlich zu den mehr als 2.6 Milliarden, die der Staat schon heute an die Institutionen verteilt, die er als förderungswürdig erachtet. Für die hehren Zwecke des Zivilisationsankers Kultur scheinen die Mittel unerschöpflich, besonders wenn sie mit dem Geld anderer Leute beglichen werden können.

    Ausgabefreudige Schweizer Städte

    Diese Haltung schlägt bis auf die tiefste Staatsebene hinunter. Auch die Politik in Schweizer Städten hält sich nicht mit kleingeistigen Kostenüberlegungen auf, wenn es Mozarts Zauberflöte und Beethovens Mondlichtsonate zu fördern gilt. Immerhin soll jedes Regionalzentrum auch ein Ort kultureller Hochblüte sein. Die Stadt Zürich adelt sich beispielsweise mit 432 Franken pro Bewohner zum Mekka des feinen Geschmacks. Basel wendet hierfür schon 932 Franken pro EinwohnerIn auf. Alle Rekorde bricht die Stadt Genf: Mit 1377 Franken pro Genfer/-in katapultiert sich die Léman-Stadt in die internationale Liga der Kulturmetropolen. So will man es zumindest. (Quelle) Ganz zu schweigen von den Kulturbudgets der Kantone, die ebenfalls grösstenteils zu den Zentren und ihren Laste(r)n fliessen.

    Es geht nicht um die Kosten

    Viel Geld, so könnte man einwerfen, aber bei so etwas Wertvollem wie Kultur gehe es doch nicht nur um Kosten. Das ist richtig. Das Stossendste an der derzeitigen Schweizer Kulturpolitik ist nicht einmal die Höhe der Subventionsmilliarden. Es sind die Art und Weise, wie sie verteilt werden, und die Argumente, mit denen sich die im staatlichen Subventionsbad aufgedunsene Kulturindustrie gegen Kritik zu immunisieren versucht.

    Betrachtet man nüchtern, was Kulturpolitik eigentlich ist, so besteht diese lediglich darin, den Menschen einen Teil ihres Einkommens wegzunehmen, das sie ihrerseits nach eigenem Gusto (für Kultur) ausgegeben hätten. Über dieses Geld verfügen nun aber Politik, Verwaltung und Kulturkommissionen, die das Geld nach ihrem Geschmack an ausgewählte Institutionen fliessen lassen. Was für kulturelle Inhalte nun zum Leben erweckt werden, diese Entscheidung liegt nicht mehr bei jedem Einzelnen, sondern bei wenigen Politikern und verfilzten Funktionären.

    Die Verbeamtung der Kultur

    Wäre das nicht mehr so, würde nicht mehr eine wohlgebildete Elite in weiser Voraussicht über Kulturangelegenheiten richten, so würde das Kulturangebot zusammenbrechen, nur noch Kitsch und Kommerz zu den einfachen Leuten vordringen (behauptet dieselbe wohlgebildete Elite). Nur die „demokratische Kontrolle“ könne Kunst und Kultur in ihrer Vielfalft allen zugänglich machen. In der Realität  scheitert diese „Kontrolle“, die mehr einer Verbeamtung der Kultur gleichkommt, kläglich an diesem Ideal:  Grosse Subventionsbrocken fliessen an wenige Institutionen, deren Angebot nur von ganz wenigen Leuten wirklich genutzt wird.  Nicht selten trifft man in Theater und Oper genau die Kreise, die nahe an den Hebeln der staatlichen Verteilmaschinerie sitzen. Und jene Kreise, die nicht unbedingt auf staatlich vergünstigte Subventionspreise angewiesen wären. Daneben gehen breit besuchte und innovative Kulturveranstaltungen leer aus, weil sie den Kulturkommissären zu viel Kommerz und zu wenig Kafka bieten.

    Doch es ist nicht nur die milliardenschwere Umverteilung hin zu einer intellektuellen und etablierten Elite, die staatliche Kulturpolitik so unsäglich macht, sondern auch die doppelte Verachtung, welche der selbstgerechte Steuergeldkulturfinanzierungsapparat versprüht.  Einerseits Verachtung gegenüber kulturellen Inhalten, die den feinen Damen und Herren in staatlichem Sold nicht passen, gegen all den bösen Kommerz, bei dem der feinsinnige Kulturkenner nur die Nase rümpfen könne. Andererseits Verachtung den Menschen gegenüber, die nicht selbst entscheiden dürfen sollten, welche Kultur sie überhaupt wollen. Gegen die Menschen, die scheinbar auf die wohlmeinende Hand des Staates angewiesen seien, die ihnen Geld wegnehmen solle und damit ein „ausgewogenes“ Kulturangebot ausfinanzieren könne.

    Und wenn die Menschen das Angebot nicht nutzen, für das sie mit ihren Steuern bereits bezahlt haben? Pah, Banausen, selber schuld! Dann haben die Freunde der staatlich finanzierten Hochkultur eben mehr Platz im Theater.

    Holen wir uns die Deutungshoheit zurück!

    Dass die Kultursubventionsmilliarden letztlich nur ganz wenige Leute gewaltig bevorteilen und dass die dahintersteckende Ideologie von einer widerlichen Geringschätzung seiner Mitmenschen zeugt, davor verschliessen die Vertreter des Kulturestablishments ihre symphonieverzärtelten Ohren. Und wer sich gar zur Behauptung erdreistet, dass gerade der böse Kommerz eine stete Quelle der Innovation sei und dass nicht zuletzt die Kommerzstücke von gestern die Klassiker von heute geworden seien, weil sie Millionen von Menschen bewegt hätten, der ist im kunstgeschulten Auge der Subventionsempfänger und -verteiler ein hoffnungsloser Barbar, der gerade gut genug dafür ist, die Subventionen zu bezahlen.

    Bersets kulturpolitische Pläne sind Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil sie das Wachstum der Staatskultur rasant vorwärtstreiben. Segen, weil die ganze Hybris der Politik nur selten so deutlich durchschimmert wie in solchen Vorschlägen: Die Menschen verstünden nichts von Kultur, seien dumm und unfähig, darum brauche es weise Entscheidungsträger, die im Gewand erlauchter Kultiviertheit vordefinieren sollten, was Kultur sei. In Tat und Wahrheit endet die staatliche Organisation von Kultur aber als Selbstbeweihräucherung eines kleinen Zirkels auf Kosten der Steuerzahler. Es wird Zeit, dass sich die Menschen die Deutungshoheit darüber zurückerobern, was Kultur ist, und diese Entscheidung nicht mehr den Bürokraten überlassen.

3 Comments

  1. Linus Huber sagt: 13. Juni 2014 at 22:51

    Es handelt sich immer um sogenannte Gutmenschen, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie zu wissen glauben, was gut sei für die Gesellschaft, welche langfristig betrachtet die wirklichen Probleme kreieren. Wenn es nicht zugleich um die Sicherung ihres persönlichen Wohles handelte (ein menschlich verständliches Motiv), würde ich mich fragen, aufgrund welches charakterlichen Defektes diese Bürokraten versuchen, ihre Mitmenschen zu bevormunden.

  2. Peter Stucki sagt: 23. Juni 2014 at 18:55

    Das Problem bei der „geförderten Kultur“ ist, dass die meisten gar keine Zeit haben diese zu nutzen, da sie damit beschäftigt sind Geld zu verdienen um genau dieses System finanzieren.
    Mit einem Cüpli in der Hand über ein Zaun aus verbeultem und verrosteten Armierungsnetz für 380’000.-Fr, zu diskutieren bleibt daher den dummen zahlenden Masse vorenthalten.

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  1. Botschaft zur Förderung der Kultur in den Jahren 2016-2019 - up!schweiz - Wir lieben Freiheit.

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